Mit rund 1,6 Millionen Versicherten zählt die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) zu den größten bundesweiten gesetzlichen Krankenkassen. In einer Mitteilung vom 22. September 2022 weist die KKH auf eine deutliche Zunahme von Sprachstörungen bei Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen sechs und 18 Jahren hin. Die Krankenkasse hat die anonymisierten Daten ihrer Versicherten mit der Diagnose F80 (ICD-10-Code) aus den Jahren 2011 und 2021 miteinander verglichen. Litten in Deutschland vor gut zehn Jahren noch 5,2 Prozent der Heranwachsenden an Sprachstörungen, so waren im Jahr 2021 im Schnitt schon 8,1 Prozent der Kinder und Jugendlichen davon betroffen. Der Anteil lag den KKH-Daten zufolge bei den 6- bis 10-Jährigen bei 16,0 Prozent, bei den 11- bis 14-Jährigen bei 5,5 Prozent und bei den 15- bis 18-Jährigen immer noch bei 2,4 Prozent.

Dabei bezeichnet die KKH vor allem die Zunahme von Sprach- und Sprechstörungen bei Heranwachsenden im Zeitraum von 2019 bis 2021 als „besonders alarmierend“. Allein während der beiden Corona-Jahre sei die Zahl der Betroffenen um rund neun Prozent gestiegen, bei einer isolierten Betrachtung nur der 15- bis 18-jährigen stellte die Krankenkasse sogar einen Zuwachs um mehr als ein Fünftel fest. Jungen (rund zehn Prozent) leiden öfter unter derartigen Entwicklungsverzögerungen als Mädchen (rund sechs Prozent). Als Beispiele dafür, wie sich eine Sprachstörung bei Kindern und Jugendlichen bemerkbar macht, nennt die KKH: Begrenztes Vokabular, Probleme bei der Artikulation von Lauten oder der Satzbildung sowie Schwächen in der Grammatik.

Maßnahmen begünstigen Störungen in der Sprachentwicklung

Die Krankenkasse spricht Corona als wahrscheinliche Ursache für die Zunahme von Sprachstörungen an. Dabei unterläuft der KKH der in solchen Zusammenhängen leider sehr beliebte Fehler, dass es nicht das Virus als solches war, das für diese Entwicklung verantwortlich ist, sondern vielmehr die deshalb verhängten Maßnahmen. „Die Pandemie mit all ihren Einschränkungen hat die Entwicklung sprachlicher Kompetenzen vieler Kinder erschwert. Durch Homeschooling und weniger soziale Kontakte fehlte etlichen der direkte kommunikative Austausch mit Lehrern und vor allem Gleichaltrigen beim Lernen, Spielen, Pläne schmieden oder auch Streiten“, heißt es in dem Schreiben. All dies sei für die Entfaltung sprachlicher Fähigkeiten aber von wesentlicher Bedeutung. Lange Zeit geschlossene Kitas und Schulen hätten außerdem dazu geführt, dass manche Sprachstörung unentdeckt geblieben ist. Und da auch die Logopädie-Praxen geschlossen waren, hätten bereits begonnene Therapien unterbrochen werden müssen, was bereits erzielte Fortschritte zunichte gemacht habe, wie die Krankenkasse weiter ausführt.

Vijitha Sanjivkumar vom Kompetenzteam Medizin der KKH rechnet gerade in der jüngsten Altersgruppe mit einer weiteren Zunahme logopädischer Behandlungen. Von den Erziehern sei in den vergangenen Monaten zwar viel Aufholarbeit geleistet worden, aber dennoch befürchtet die Expertin: „Aufgrund coronabedingter Hygienevorschriften wie Schutzmasken oder Kontaktbeschränkungen ist der komplexe Spracherwerb von heute Zwei- und Dreijährigen über kommunikatives Erleben mit Lautbildung, Ablesen von Lippenbewegungen oder auch Mimik eingeschränkt gewesen.“ Die Ausbildung der Sprachkompetenz bezeichnet Sanjivkumar dabei als „wesentlichen Schlüssel“ für die Entwicklung der Persönlichkeit und des Sozialverhaltens, für einen versierten Umgang mit Medien sowie bessere Bildungs- und Zukunftschancen. In jungen Jahren könne sie vor Hänseleien, Mobbing, Isolation und damit verbundenen psychischen Belastungen bewahren.

Nur die Spitze des Eisbergs

Die starke Zunahme von Sprachstörungen bei Heranwachsenden scheint dabei jedoch nur die Spitze des Eisbergs zu sein. Auf eben diese psychischen Belastungen, die durch die Gesamtheit der Corona-Maßnahmen auf die Kinder und Jugendlichen wirken, haben zahlreiche Experten schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt hingewiesen, auch auf dieser Seite. Die Palette reicht von Kindern, die ganz zu sprechen aufgehört haben, über eigentlich schon „trockene“ Kleinkinder, die wieder eine Windel brauchten, bis hin zu immer mehr Jugendlichen, die wegen Depressionen behandelt werden.

Wohlwissend, dass die durch die Corona-Maßnahmen entstandenen Kollateralschäden bei unseren Kindern und Jugendlichen nicht ohne Weiteres wieder aufzuholen sein werden und insbesondere professionelle Hilfe – etwa in absehbar überlasteten Logopädie-Praxen – rar gesät sein wird, richtet sich die KKH im letzten Teil ihrer Mitteilung direkt an die Eltern. „Lesen Sie Ihrem Kind vor, spielen Sie mit ihm Spiele und entwickeln Sie gemeinsam Geschichten oder Reime, führen Sie Gespräche und diskutieren Sie miteinander. Schenken Sie Ihrem Kind beim Kommunizieren Aufmerksamkeit, und schauen Sie es an. Auch Ausreden lassen ist wichtig. All das wirkt sprachfördernd“, lauten die Empfehlungen von Vijitha Sanjivkumar.

Quelle: reitschuster.de

Von admin