29.11.23 (9)

Robert Kappel

Mit der Sonderauswertung Sterbefälle berichtet das Statistische Bundesamt über das aktuelle Sterbegeschehen in Deutschland. Derzeit gibt es laut der Behörde nicht viel Aufregendes zu berichten. Lohnt sich hier ein genauerer Blick auf die Daten?

Datiert auf den 21.11.2023 schreibt das statistische Bundesamt (Destatis) in seiner Sonderauswertung mit Blick auf das Sterbegeschehen des letzten halben Jahres:

“Im April (+1 %) gingen die Sterbefallzahlen mit dem Ende der Grippewelle wieder zurück, sodass sie in diesem Monat wieder im Bereich des Vergleichswertes lagen. Im Mai (+5 %) lagen sie dann wieder über dem mittleren Wert der vier Vorjahre. Seit Juni liegen die Sterbefallzahlen zumeist in dessen Bereich. Nach aktueller Hochrechnung liegen die Sterbefallzahlen für die Kalenderwochen 44 und 45 (vom 30. Oktober bis 12. November) mit jeweils + 3 % leicht (sic) etwas über dem Vergleichswert der vier Vorjahre.”

Grafisch stellt Destatis die Daten wie folgt dar:

Auf den ersten Blick hat die Behörde mit der oben zitierten Aussage Recht: ab Kalenderwoche 14 pendeln die wöchentlichen Sterbefallzahlen um den Vergleichswert. Es lohnt jedoch ein genauerer Blick auf die Rohdaten sowie die Methodik, die von Destatis angewendet wird, um diese Grafik zu erzeugen.

Der Datensatz kann hier als Excel Tabelle heruntergeladen werden. Ich verwende für diesen Artikel die Daten bis zum 21.11.2023.

Wie also entsteht das obige Diagramm?

Als Vergleichswert verwendet Destatis die vier Vorjahre, also 2019-2022. Aus den wöchentlichen Sterbefallzahlen dieser Jahre wird der blaue Bereich sowie die blaue Linie, der Median, gebildet. Die obere und untere Begrenzung des blauen Bereichs wird von den jeweiligen wöchentlichen Maximal- und Minimalwerten der Jahre 2019-2022 begrenzt. Der Median ist definiert als der Wert in einer Gruppe von Werten, bei dem es gleich viele größere und kleinere Werte in der Gruppe gibt. Bei einer geraden Anzahl von Werten wird der Durchschnitt der beiden mittleren Werte gebildet.

Im konkreten Beispiel mit vier Werten aus den Jahren 2019-2022 bildet sich der Median also aus dem Durchschnitt der beiden mittleren Werte, der Maximal- und Minimalwert geht nicht in die Berechnung des Medians ein.

Ist die Methodik des Bundesamtes sinnvoll, um den Sterbeverlauf von 2023 zu beurteilen?

Das ist zumindest fraglich. Destatis vergleicht das post-Covid Jahr 2023 mit den Vergleichswerten der Jahre 2019-2022. Als Vergleichsdaten sollten idealerweise Jahre herangezogen werden, die zum Einen möglichst nah am zu untersuchenden Jahr liegen, um Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur gering zu halten. Es macht keinen Sinn, das Jahr 2023 mit 1950-1953 zu vergleichen.

Zum Anderen sollten die Vergleichsjahre aber nicht zu viele außergewöhnliche Jahre beinhalten, sondern das durchschnittliche Sterbegeschehen in der Gesellschaft abbilden. Und hier ist die Herangehensweise des Amtes  aus meiner Sicht in Frage zu stellen. 2019 war ein gewöhnliches Jahr, 2020 war ein Pandemiejahr ohne Impfung, 2021 war ein Pandemiejahr mit Impfung, 2022 ebenfalls.

Im Folgenden stelle ich der Destatis Auswertung meine gegenüber. Ich wähle als Vergleichsjahre 2016-2019, und zwar aus folgenden Gründen: der Zeitraum liegt vor dem Pandemiezeitraum. 2018 war ein Jahr mit starker Grippewelle, wohingegen 2016, 2017 und 2019 unauffällig waren.

Ergebnisse

Um die Sterblichkeit in 2023 besser einordnen zu können, beginne ich mit den Sterbedaten des Jahres 2020, um dann chronologisch fortzufahren. Der graue Bereich in allen folgenden Grafiken entspricht dem blau hinterlegten Bereich in der Destatis Grafik, allerdings mit den Daten meiner Bezugsjahre 2016-2019.

2020:

Das erste Pandemiejahr war neun Monate lang unauffällig im Vergleich zu 2016-2019. Leichte Untersterblichkeit wechselte sich mit leichter Übersterblichkeit ab. Der Peak des grauen Bereichs um KW 10 ist die starke Grippewelle 2018. Im Vergleich dazu ist die Sterblichkeit 2020 in diesem Bereich unauffällig.

Um KW 33 könnte eine Hitzewelle für kurze Übersterblichkeit verantwortlich gewesen sein. Mit Beginn der kalten Saison beginnt die Sterblichkeit deutlich zu steigen, bleibt aber leicht unterhalb der Grippewelle um KW10 in 2018.

2021:

Das zweite Pandemiejahr beginnt mit dem Start der Impfung. Ab Mitte des Jahres sind ein Großteil der Bevölkerung geimpft. Die Sterblichkeit beginnt mit ähnlich hohen Werten wie Ende 2020, fällt dann aber zunächst deutlich unter den Median 2016-2019.

Auffällig ist, dass die Sterblichkeit ab KW 17 fast konstant deutlich sowohl oberhalb des Medians 2016-2019, als auch oberhalb der des Jahres 2020 läuft. Hier drängt sich zumindest die Frage nach der Effektivität der Impfung auf. Eine der gesamten Bevölkerung verabreichte Impfung müsste die Gesamtsterblichkeit während einer Pandemie reduzieren.

2022:

Spätestens der Sterblichkeitsverlauf in 2022 muss die Frage nach der Toxizität der Impfung aufwerfen. Covid ist inzwischen durch mildere Varianten nur noch unwesentlich am Sterbegeschehen beteiligt. Trotzdem liegt die Sterblichkeit fast immer — über lange Strecken signifikant — über dem Median 16-19 und oberhalb der schon hohen Werte von 2021.

Zusätzlich liegt sie deutlich oberhalb jener des Pandemiejahres 2020, damals ohne Impfschutz und mit Virusvarianten mit höherer Infektionssterblichkeit. Mehr noch, die Kurve liegt die letzten acht Monate beständig, teilweise deutlich oberhalb des Maximums (!)  des Vergleichszeitraums (grauer Bereich).

2023:

Auch dieses Jahr bewegt sich die Kurve deutlich oberhalb des Medians 16-19, allerdings nicht mehr so extrem wie in 2022. Hier ist gut der Unterschied zu der Destatis Auswertung zu erkennen, die nur keine bis minimale Übersterblichkeit zur Referenz zeigte.

Fazit

Zweifel sind angebracht, welche der beiden Auswertungen der Sterbezahlen 2023 näher an der Realität ist.

Es ist durchaus möglich, dass zum Jahreswechsel 22/23 bei Destatis die Sektkorken geknallt haben, da der Vergleichszeitraum endlich Jahre mit großer Übersterblichkeit beinhaltete, wodurch die hohe Sterblichkeit in 2023 als durchschnittlich dargestellt werden konnte.

Um eine möglichen Kritik an meiner Wahl des Vergleichszeitraums vorwegzunehmen: Ja, es ist richtig, dass die Gesamtbevölkerung zwischen 2016-19 und 2023 zugenommen hat. Es könnte das Argument aufkommen, dass dadurch bedingt auch höhere Sterbezahlen zu erwarten sind. Das ist grundsätzlich richtig, fällt hier jedoch praktisch nicht ins Gewicht, da der Bevölkerungszuwachs fast ausschließlich aus jungen Menschen besteht. Als Beispiel die Altersverteilung in KW 7/2023: von den insgesamt verstorbenen 20.964 Personen sind 152 unter Dreißigjährige, also unter einem Prozent. 301 unter Vierzigjährige sind verstorben, also 1,5%.

Ein wichtiger Aspekt, der hier noch nicht berücksichtigt wurde, ist der Pull Forward Effekt. Normalerweise folgt auf einen Zeitraum mit hoher Sterblichkeit immer ein Zeitraum mit geringerer Anzahl Todesfälle, da z.B. in Grippewellen vermehrt Menschen versterben, die ohne Grippewelle noch einige Monate länger gelebt hätten. Nach einem Jahr mit hoher Grippesterblichkeit folgt normalerweise immer ein Jahr mit unterdurchschnittlicher Sterblichkeit. Dies ist in den Daten hier jedoch nicht zu erkennen. Im Gegenteil, die Sterblichkeit steigt von 2020 über 21 nach 22 immer weiter an. Da der Pull Forward Effekt jedoch existiert, muss die eigentlich geringere Sterblichkeit durch andere Faktoren überkompensiert worden sein.


Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wieder. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Robert Kappel schreibt unter einem Pseudonym, Name der Redaktion bekannt.


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