Deutsche Bank warnt vor Deindustrialisierung in Deutschland

Von Daniel Weinmann

Der Zugang zu günstiger Energie zählte jahrzehntelang zu den wichtigsten Triebkräften des Erfolgsmodells „Made in Germany“. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es zunächst die heimische Kohle, dann schmierte billiges Erdöl den deutschen Konjunkturmotor. Zuletzt war es das preiswerte russische Gas.

Geht es nach einer aktuellen Studie von Deutsche Bank Research, steht dieses Modell auf der Kippe. Schon in seinem Ausblick im Juli dieses Jahres argumentierten die Ökonomen, dass sich die „aktuelle Gas-Krise … als struktureller Gamechanger für den Industriestandort Deutschland und das deutsche exportorientierte Geschäftsmodell erweisen“ könnte.

„Wenn wir in zehn Jahren auf die derzeitige Energiekrise zurückblicken, könnten wir diese Zeit als Ausgangspunkt für eine beschleunigte Deindustrialisierung in Deutschland betrachten“, legt Studienautor Eric Heymann jetzt nach.

Entsprechend skeptisch fällt sein Blick in die Zukunft aus: Während die Produktion der hiesigen Industrie in diesem Jahr um 2,5 Prozent schrumpfen soll, könnte sich der Abwärtstrend im kommenden Jahr auf fünf Prozent beschleunigen. Erschwerend kommt hinzu: „Mit weitgehend geleerten Speichern im Spätwinter 2022/23 und ohne russisches Gas werden die EU und Deutschland höhere Preise als andere Gasimportländer zahlen müssen, um die Speicher vor dem Winter 2023/24 wieder zu füllen.

Mehr Bescheidenheit stünde den Managern gut zu Gesicht

„Für den deutschen Mittelstand, insbesondere in den energieintensiven Branchen, wird die Anpassung an eine neue Energiewelt eine größere Herausforderung, an der manche Unternehmen scheitern werden“, warnt Heymann. Die größten Rückgänge erwartet er für die energieintensive Industrie, etwa Chemie, Baustoffe, Papier oder Metallerzeugung.

Die Unternehmen in diesem Sektor hätten die meisten kurzfristigen Möglichkeiten genutzt, um von Gas auf andere Energieträger umzusteigen oder die Energieeffizienz weiter zu erhöhen. Weitere Schritte seien die Drosselung der Produktion, die Schließung einzelner Werke und/oder die Verlagerung der Produktion in Fabriken im Ausland.

„Die geplanten Gas- und Strompreisbremsen mildern zwar die negativen Folgen der hohen Energiepreise für die Unternehmen ab“, glaubt Heymann. In seinen Augen würde es den Staat aber finanziell überfordern, wenn er auch mittelfristig die Energiepreise für industrielle Endkunden, allen voran für Gas, spürbar subventionieren wollte.

»Eine Wirtschaftskrise, die in ihrer Wucht die Corona- und die Finanzkrise übertreffen wird«

Wird das Szenario der Deindustrialisierung Realität, wird dies gerade Deutschland besonders hart treffen, da die Industrie hierzulande eine größere Rolle als in den meisten anderen Ländern spielt. Einer Analyse der Hans-Böckler-Stiftung zufolge trägt dieser Sektor „wesentlich zur gesamtwirtschaftlichen Produktions- und Wertschöpfungsleistung bei“. Ihr Produktionswert sei zwischen 1991 und 2020 um 81 Prozent gestiegen. 2020 waren demnach mehr als zehn Millionen Menschen in diesem Bereich beschäftigt.

„Deutschland steht vor der größten wirtschaftlichen und sozialen Herausforderung seit der Wiedervereinigung“, prophezeite auch der Mannheimer Makroökonomie-Professor Tom Krebs Mitte September in einem Gastbeitrag für das „Handelsblatt“. Das wahrscheinlichste Szenario sei eine Wirtschaftskrise, die in ihrer Wucht die Corona- und die Finanzkrise übertreffen werde.

Die Prognose des Wirtschaftswissenschaftlers ist ernüchternd: „Eine energiepolitische Schocktherapie, wie wir sie derzeit erleben, wird dazu führen, dass auch Unternehmen mit an sich tragfähigem Geschäftsmodell die Produktion einstellen oder Europa verlassen.“

Quelle: reitschuster.de

Von admin